Vom Sterben eines Schmugglers – Curumim

Marco Archer Moreira, genannt Curumim, war der erste brasilianische Staatsbürger, der von einer ausländischen Regierung hingerichtet wurde. 2004 wurde er am Flughafen von Jakarta mit 13,5 Kilogramm Kokain erwischt und nach einer 15-tägigen Flucht festgenommen, von indonersischen Behörden zum Tode verurteilt und nach 11 Jahren Haft im Januar 2015 durch ein Erschießungskommando hingerichtet.

In der Dokumentation Curumim widmet sich der brasilianische Regisseur Marcos Prada Moreiras Lebensgeschichte. Hierfür standen ihm nicht nur mehrere Stunden Telefonaufzeichnungen, zahlreiche Briefe und Interviews mit Curumims Weggefährten zur Verfügung: Moreira, selbst Ideengeber des Films, zeichnete ab 2012 über drei Jahre mit einer versteckten Kamera seinen Haftalltag auf und schickte das daraus entstandene Material an Prado, auf dass der die besten Ausschnitte für den Film benutze.

Die Dokumentation verfolgt 3 Ziele: Zum einen will sie Moreiras Geschichte wahrheitsgemäß und ohne zu beschönigen wiedergeben; sie will ein abschreckendes Beispiel gegen Drogenschmuggel geben; und sie soll als Plädoyer gegen die Todesstrafe dienen.

Das erste Vorhaben erfüllt Prados Film sehr zuverlässig: Von seiner Kindheit bis zu seiner Verhaftung werden zahlreiche Ereignisse aus Curumims Vita flüssig erzählt. Der Zuschauer lernt Moreiras Charme wie seine Schattenseiten kennen: Anfangs wirkt es noch so, als sei er, nach einem Paragliding-Unfall schwer verschuldet, aus Geldnot in falsche Kreise gerutscht, und habe anschließend keine Alternative zum Drogenschmuggel gesehen, was schließlich zu seiner Verhaftung führte. Im Laufe des Films erfahren wir allerdings, dass Curumim sein gesamtes erwachsenes Leben hindurch Drogenschmuggel und -handel finanziert hat, sein letzter Coup also nur die finale in einer Serie von Delikten war. Die tiefen Bindungen, die er zu seinen Freunden außerhalb und innerhalb des Gefängnisses hatte, treten an den stärksten Stellen des Films zum Vorschein und garantieren tieftraurige, aber auch berührende Momente.

Seinen beiden anderen erklärten Zielen – ein Mahnmal gegen den Drogenschmuggel und eine durchschlagende Kritik an der Todesstrafe zu sein – wird Curumim über weite Strecken allerdings nur bedingt gerecht.

Zum einen stehen die langen und ausschweifenden Berichte über das abenteuerliche Leben Moreiras im krassen Gegensatz zu dessen abschließendem Plädoyer, sein Leben als abschreckendes Beispiel zu nehmen. Zu lange wird der Lebensstil Curumims, der letztendlich auf Drogenhandel begründet war, latent glorifiziert, die abschließende Warnung büßt hierdurch an Glaubwürdigkeit und Durchschlagskraft ein. Außerdem fehlt eine Positionierung gegen den Drogenschmuggel als solchem komplett. Ohne ein Moralapostel sein zu wollen, aber Drogenhandel lediglich zu denunzieren, weil er verboten und daher riskant ist, während man negative Folgen für Konsumenten im Einzelnen und die Gesellschaft im Ganzen durch Drogenkonsum, Drogenhandel und organisierte Kriminalität völlig ausblendet, ist in meinen Augen zu kurzsichtig, um ein klares Statement liefern zu können.

Auch die Verurteilung der Todesstrafe wird bis zum letzten Drittel der Dokumentation nicht konsequent genug verfolgt: Curumim erklärt in einigen seiner Aufzeichnungen (unter anderem bereits in der ersten Szene des Films), dass er seine Zelle mit Terroristen teilt, die an Anschlägen in Bali 2002 beteiligt waren. Der Fakt, dass er es offensichtlich cool findet, mit ihnen einzusitzen, erschafft ein sehr befremdliches Bild, dass den Zuschauer vom eigentlichen Punkt ablenkt. Der Umstand, dass die Terroristen lediglich zu mittellangen Haftstrafen, und nicht wie Curumim zum Tode verurteilt wurden fällt dagegen nur in einem kleinen Nebensatz. Erst im letzten Drittel, wird die Kritik am unausgeglichenen Strafsystem Indonesiens und an der Todesstrafe an sich klar geäußert. Vor allem ein Interview mit einem indonesischem Aktivisten ist hier besonders eindrucksvoll.

Alles in allem verliert Curumim vor allem im zweiten Drittel etwas den Faden. Da er am Ende aber doch die Kurve kriegt, bleibt letztendlich trotz der Mängel eine bewegende, traurige Dokumentation und ein würdiges Vermächtnis für Marco Archer Moreira.

Janosch

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