Relevantes ohne Drama – „Zentralflughafen THF“ von Karim Aïnouz

Eine Führung durch die Haupthalle des Tempelhofer Flughafengebäudes. Eine Gruppe Besucher hört aufmerksam zu, während die Reiseführerin über Entstehung und Geschichte des THF’s spricht. Ob sie an späterer Stelle auch auf die sich nur einige Meter weiter befindenden Flüchtlingsunterkünfte eingeht, bleibt offen. Auf alle Fälle wird schon jetzt klar, dass sich hier unterschiedliche Welten begegnen. Ist ja schließlich auch ein Flughafen…

Ibrahim erzählt, dass viele der Neuankömmlinge geschockt seien, wenn sie Tempelhof zum ersten mal sehen. Die Flughafenkulisse, mit Flugzeugrelikten und Gepäckkontrollen schüre einfach Deportationsängste. Leicht nachvollziehbar, wenn man weniger Nachvollziehbares auf seiner Flucht durchgemacht hat und Erlebtes schlichtweg hinter sich lassen möchte.

Qutaiba aus dem Irak ist eigentlich Assistenzarzt. Hier in Deutschland wird er als solcher nicht anerkannt. Um nicht untätig zu sein, arbeitet er im THF als Übersetzer. Er lebt zwar nicht mehr wie Ibrahim in einer der eingerichteten Wohnboxen, da er sich durch seine Beschäftigung selbst versorgen kann, aber auch er wartet wie all die anderen Bewohner auf seinen Amtsbescheid.

Sowieso is das Warten an diesem Zwischenort, zwischen Ankunft und Aufbruch, Heimatverlust und deutscher Bürokratie das zentrale Thema in Karim Aïnouz’ Dokumentation „Zentralflughafen THF“. Über einen Zeitraum von einem Jahr verfolgt Aïnouz den Alltag derer, die sich zwischen Gesundheitschecks, Raucherpausen und Deutschkursen befinden und sich auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten. Analog dazu stehen Aufnahmen des überproportionalen Tempelhofer Feldes mit seinen Hangars und der darumliegenden Parkanlage. Es zieht sich eine auffallende Ruhe, manchmal auch Schwere durch diese Bilder, sodass man einen Eindruck davon bekommen kann, wie zäh und leer sich die Zeit dort anfühlen muss. Dies liegt vor allem auch daran, dass Aïnouz bei seiner Darstellung keinen Wert auf dramatische oder tränenreiche Bilder legt. Er beschränkt sich auf die Erzählungen seiner Interviewpartner um die brisanteren Themen wie Krieg und Verzweiflung anzugehen. Hürden werden zwar angesprochen, konkret abgebildet aber nicht. Ein gekonnter Schachzug um final zumindest eine Erfolgsgeschichte abzuzeichnen und der gesamten Unterkunft THF eine hoffnungsvolle Note zu verleihen, die Aïnouz vor allem den mehr als 2000 Geflüchteten im THF widmet und nicht den Berlinern, die sich auf der Wiese davor in der Sommersonne davon träumen.

Als Vorbereitung auf seine Dokumentation, die eigentlich ein Werk über Tegel werden sollte, hat der Regisseur sechs Monate vor Drehbeginn regelmäßig die Hangars besucht und sich mit einigen der Bewohnern angefreundet. Ihm ist durch diesen engen Kontakt gelungen eine Stimme abzubilden, die verdeutlicht, dass Geflüchtete als heimatsuchende Akteure unserer Gesellschaft anzusehen sind und nicht wie so häufig als problematischer Flüchtlingsstrom.

Dies gelingt ihm so zart und undramatisch, dass mir auffällt wie beeinflusst ich selber von unserer medialen Flüchtlingshysterie bin.

Maike

Bildmaterial: Filmstill Berlinale, Sektion: Panorama

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