Sehsüchte 2018, Tag 1: Karussells, Mobbing und die AfD

Es ist wieder so weit. Die Film-Uni Babelsberg öffnet ihre Pforten, auf dass junge Filmschaffende ihre Werke auf die Leinwände ballern und der Pöbel sich daran ergötzen möge. Weniger schwülstig ausgedrückt:
Das 47. Sehsüchte Filmfestival steht an! Wie schon letztes Jahr begebe ich (Janosch, Hallo zusammen) mich nach Potsdam, um mir die kurzen wie langen Beiträge von Jungregisseuren aus aller Welt zu geben. Und natürlich, um hier darüber zu berichten! Soviel vorab: Da es sich vor allem um Kurzfilme handelt und die meisten Erstlingswerke sind, verzichte ich auf Verrisse, sondern werde mich auf meine Highlights beschränken. Auch ein Zyniker wie ich hat mal Bock auf gute Laune!

Daher ohne weiteres Vorgeplänkel: hier sind meine Highlights von Tag 1

Night von Josje Duk 

Vier junge Frauen, alle unter 21, zwei von ihnen farbig, zwei weiß, gehen mit gefälschten Ausweisen ausgestattet feiern. Nachdem zwei der Mädchen den Türsteher spielend leicht überwinden, kommen die anderen beiden nicht an ihm vorbei. Der Grund scheint relativ klar: der Türsteher ist schwarz und verweigert den beiden Blondinen den Eintritt, wodurch sie sich in der offenbar ungewohnten Rolle wiederfinden, am falschen Ende von Alltagsrassismus zu stehen. Durch die Hilfe ihrer beiden Freundinnen schaffen sie es aber auch noch in den Club, wo die Lage aber weiterhin angespannt bleibt. In nur 10 Minuten schafft Night einen zwar relativ oberflächlichen, aber dennoch eindrucksstarken Einblick in die Unterschiede zwischen Alltagsrealitäten von weißen und schwarzen Teenagern. Und einen ganz schönen Twist gibt’s am Ende sogar umsonst noch oben drauf!

Bis Donnerschdag von Michael Bohnenstingl

Gottlieb plant ein Theaterstück (Die Katze), in dem er eine Katze spielt, und wird gemobbt. Hilfe von Vertrauenslehrern sucht er vergebens, Inspiration bietet nur die heimische Katze Mizi. Die bringt ihm die zündende Idee, sich auf eine ebenso kreative wie radikale Weise zur Wehr zu setzen. Die Animationen (oh, stimmt, das ist ein Animationsfilm!) sind in liebevoller Kleinarbeit ein bisschen trashig aufgemacht worden; das ist auch gut so, weil sie dem Film etwas Unbeschwertes geben und zudem mehr Fantasie auf Seiten der Zuschauer zulassen. Dass der ganze Film auf Schwäbisch ist, fiel bei mir überraschenderweise überhaupt nicht negativ auf, obwohl ich kein großer Fan des Dialektes bin. Im Gegenteil; wie die Animationen verleiht es dem teilweise schweren Stoff eine leichtere Note.
Kurzweilig, witzig und ein bisschen ernst.

Merry-Go-Round von Ruslan Bratov

Vier sturzbetrunkene und wahnsinnig dämliche Russen in Anzügen entern nachts ein sehr schnelles Vergnügungskarussell und wundern sich, als es nicht mehr aufhört und sie keinen Plan haben, wie sie die Höllenmaschine wieder anhalten können. Viel mehr muss ich glaube ich nicht mehr sagen. Vielleicht noch so viel: das ist der vielleicht lustigste Film des Festivals, auf jeden Fall der lustigste, den ich bis jetzt gesehen habe. Bilder, Sound und Darsteller sind alle herrlich drüber, und die 13 Minuten fühlen sich ein bisschen wie das halsbrecherische Intro zu einer längeren Komödie an, die ich nur zu gern sehen würde.

Meuthen’s Partei von Marc Eberhardt

Leider nicht ganz ein Highlight, aber ich habe dennoch Redebedarf:
Dokus über politische Akteure sind ja immer so ‘ne Sache. Vor allem, wenn es sich beim Thema um eine populistische Partei wie die AfD handelt. Meuthen’s Partei folgt dem Chef des Baden-Würtemberger Landesverbandes der AfD auf dem Weg zur Landtagswahl 2016, bei der die AfD – Spoileralarm – 15% geholt hat. So folgen wir dem Spitzenkandidaten auf AfD-Stammtische, Wahlstände und Hauptversammlungen. Es ist auf jeden Fall sehr interessant, zu sehen, mit welchen Mitteln und welchen Schlag Bürger die AfD so anspricht. Immer mal wieder bemühen sich die Filmmacher, aufzuzeigen, wie sich Meuthen und seine Konsorten immer wieder aus kritischen Situationen winden, wie die aalglatten Würmer, die sie nun mal sind. Sei es, dass ein Parteikollege wieder mal Nazikram von sich gegeben hat, oder dass sie mit der Frage konfrontiert sind, aus welchen Quellen sie eigentlich ihre Horrorgeschichten beziehen, die sie „natürlich immer vorher verifizieren“. Aja.

Hier kommen wir aber zum großen Problem der Doku: diese kleinen Spitzen reichen halt nicht aus. Nach der Wahl Trumps musste sich CNN anhören, dass sie die Berichterstattung zum Wahlkampf ordentlich verkackt hatten, weil sie ihm stundenlange, völlig unkommentierte Sendezeit „geschenkt“ hatten. Ein bisschen so fühlt sich das hier auch an, wenn auch nicht so extrem. Es fehlt einfach an Kommentaren oder an Ausflügen, in denen Meuthens Rhetorik dekonstruiert wird. So windet er sich ohne Probleme aus jeder Nachfrage. Auf mich wirkt er dabei wie ein sehr schmieriger Typ, aber auf AfD Fans sicherlich wie ein „schlauer Fuchs“. Das Ergebnis ist ein Film, der bewirkt, dass Leute, die die AfD bereits verachten (das wäre meine Ecke), sie nun noch mehr verachten, während diejenigen, die die AfD vorher bereits supportet haben, sich nach dem Film wohl nur noch mehr bestätigt fühlen.

An dieser Stelle möchte ich noch kurz mit dem Mythos aufräumen, dass Dokumentationen komplett unparteiisch sein müssen. Bullshit! Ich kenne keine einzige gute Doku, die nicht von Anfang bis Ende durchgehend einen klaren Standpunkt vertritt. Sei es nun der fantastische The Silence of Others, The Look of Silence oder Waldheims Walzer, die Linie und der Standpunkt der Filmmacher ist immer klar und das ist auch gut so. Sich einfach zurückzuziehen, um dem Publikum oder sogar Meuthen die Hoheit über den Inhalt und die Bedeutung eines Filmes zu lassen, wird der Verantwortung eines Autors in meinen Augen nicht gerecht. Damit ist nicht gemeint, dass die Autoren uns mit dem Vorschlaghammer ihre Meinung einprügeln sollen. Aber eine eigene geschlossene Argumentationslinie, an der sich der Zuschauer wie an einem roten Faden orientieren kann, ist einfach sauwichtig.
So, jetzt hab‘ ich mich doch n bisschen aufgeregt, verdammt!

Jedenfalls hab‘ ich eine gute Zeit hier auf dem Festival, und freue mich auf meinen zweiten Tag!

Janosch

Alle Filmstills mit freundlicher Unterstützung vom Sehsüchte Festival

 

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