Sehsüchte 2018, Tag 2: Ein Drache, ein Elch, ein Sakko und Janoschs Lieblingsfilm

Am zweiten Tag des Sehsüchte Festivals gab es nicht nur wieder viele Screenings und Workshops, sondern auch ein Fußballturnier und ein anschließendes Barbecue. Bei ersterem habe ich nicht teilgenommen, bei letzterem sehr wohl. Danke an der Stelle nochmal für das gute Essen.

Nun aber zu den Highlights von Tag 2:

 Achoo von Lucas Boutrot, Élise Carret, Maoris Creantor, Pierre Hubert, Camille LaCroix und Charlotte Perroux

Vor langer langer Zeit wollte der kleine verschnupfte Drache Achoo wie seine großen Artgenossen zum chinesischen Neujahrsfest eine besonders tolle Feuershow abliefern. Leider endeten seine Versuche, Feuer zu speien in der Regel nur in großem Niesen, einer Menge Rotz und bestenfalls ein paar Fünkchen. Die arroganten älteren Drachen verspotteten und lachten ihn dafür aus, aber der kleine Drache hatte alchemistischen Sachverstand und zur Not das entscheidende Quäntchen Glück, sie am Ende doch noch alle von den Socken zu hauen. Spoiler, uppsi.
Achoo war mein Lieblingsfilm aus der Kindersektion. Die fantasievolle Geschichte kommt bis auf eine kurze Erklärung am Anfang ohne Worte aus. Die grandiosen Animationen sorgen nicht nur für die nötige Farbenfreude (ist das ein Wort?), sondern auch für den Großteil des Humors und der Leichtigkeit.
Ein bisschen hab ich mich wieder wie der kleine Junge gefühlt, der jedes Jahr Silvester wegen des Feuerwerks kaum abwarten konnte.

Der Sieg der Barmherzigkeit von Albert Meisl

Verdammt, jetzt habe ich im letzten Artikel rausposaunt, dass Merry-Go-Round der vielleicht lustigste Film des Festivals ist, schon muss ich mich korrigieren. Einigen wir uns auf einen geteilten ersten Platz, weil man Der Sieg der Barmherzigkeit  nicht mit Merry-Go-Round vergleichen kann, sie aber beide einfach schreiend komisch sind.
Der ranzige, frisch entlassene Musikwissenschaftler Herr Szabo (gespielt vom Regisseur Albert Meisl) zwingt seinen Nachfolger Herrn Fitzthum (Erwin Riedenschneider) in bester „gibst du mir deinen kleinen Finger, nehm ich die ganze Hand“-Manier dazu, mit ihm gemeinsam einem alten popkulturell semi-relevanten Sakko hinterherzujagen. Dabei schreckt Szabo auch nicht davor zurück, den jüngeren Exkollegen zum Einbruch in die Altkleidersammelstelle zu nötigen. Beide sind mit der Lage hoffnungslos überfordert und die Art und Weise, wie diese beiden Karikaturen (vor allem Herr Szabo, der eine komplett absurde Ausdrucksweise hat) miteinander umgehen, sollte sich jeder, der auf trockenen Humor steht, zu Gemüte führen.

Im Anschluss an das Screening hat Albert Meisl dann noch das lustigste Q&A abgeliefert, in dem er andeutete, dass ein Sequel des Films unter anderem daran scheitern könnte, dass sein Konterpart Erwin Riedenschneider durch seinen eigenen Erfolg als Regisseur immer fetter zu werden droht. Guter Mann!

Fusy von Kordian Kadziela

Kommen wir zu meinem Lieblingsfilm des Festivals:
Selena arbeitet als Wahrsagerin und Tarotlegerin im polnischen Spartenfernsehen. Ein paar Wochen nachdem die Karten einem Stammanrufer schlechte Omen angekündigt haben, ruft dieser sie erneut an, um sich zu verabschieden. Fest entschlossen, ihn vom Suizid abzuhalten, macht sich Selena nun auf die Suche nach dem verzweifelten Mann.

Der Kurzfilm ist eine halbe Stunde lang, und hat alles: krasse Darsteller, die Handlung ist packend und zeitweise mega spannend und die Kameraführung ist schlicht aber on point. Und gegen Ende des Films haut ein Charakter einen Monolog raus, der einfach unfassbar geschrieben ist. Ganz großes Kino.

Den Trailer zu Fusy könnt ihr euch hier anschauen.

von Sophia Bösch

Rå lief schon auf der Berlinale, da hatte ich den film bereits auf dem Schirm, hab es aber zeitlich nicht reingeschafft. Dementsprechend froh war ich, als ich sah, dass ich jetzt noch einmal die Gelegenheit hatte, ihn zu sehen. Und was soll ich sagen; hat sich voll gelohnt!

Linn ist zum ersten Mal richtig mit ihrem Vater und seinen Jagd-Buddies unterwegs. Erstmal läuft alles super, sie erlegt ihren ersten Elch mit einem sauberen Blattschuss. Dann die große Ernüchterung: die Elchkuh gibt Milch, irgendwo in der Nähe muss also das Jungtier sein, dass nun, weil Linn er übersehen hatte, elendig zu Grunde gehen wird. Davon geht jedenfalls der Rest der Jagdgesellschaft aus. Dass Linn weit und breit kein Jungtier gesehen hat, findet wenig Gehör und es wird klar, dass sie als einziges Mädchen der Truppe ein denkbar schlechtes Standing hat. Nicht mal ihr Vater glaubt ihr, was sie zusätzlich frustriert. Sie stiehlt sich deshalb von der Gruppe davon und sucht eigenständig nach dem fehlenden Kalb.

Die Aufnahmen in Rå sind fantastisch. Vor allem die Rohheit, Einsamkeit und Schönheit der nord-schwedischen Wälder ist wunderbar eingefangen, man fühlt sich selbst wie ein Teil der Jagdgruppe. Der Film zeichnet eindrucksvoll die Geschichte einer jungen Frau, die sich im patriarchisch geprägten Mikrokosmos der Jagdgesellschafft ihren eigenen Platz erkämpft. Gleichzeitig sehen wir aber auch eine berührende Vater-Tochter Geschichte, bei der es ebenso um Anerkennung wie um Emanzipation geht. Einer der vier stärksten Filme, die ich auf dem Festival gesehen habe.

 

Alle Filmstills mit freundlicher Unterstützung vom Sehsüchte Festival

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