Feierabendbier – Jeder ist scheiße, aber zum Glück nicht ganz

Das konservative Kino erfreut sich seit Jahrzehnten einer Konjunktur, deren Ende nicht abzusehen ist. Das nächste Spielbergsche Epos läuft ab nächster Woche in den Kinos, beim Eröffnungsfilm dieser Berlinale triumphiert Gut gegen Böse und die Kids aus Fack ju Göhte 3 sind schlussendlich brav angepasst. Solch unglaubwürdige Vereinfachungen der Welt nerven und verdecken dabei, dass das Hochhalten gewisser Ideale nicht immer restriktiv sein muss. Eine gute und vor allem unheimlich spaßige Gegenerzählung dazu bietet Feierabendbier, das Spielfilmdebüt von Ben Brummer. In dieser absurden Komödie mit Noir-Einschlägen werden nämlich die großen Erzählungen von wahrer Liebe und Glück dekonstruiert, ohne, dass Brummer dabei in einen zynischen Nihilismus abgleitet.

Der Film dreht sich lose um die Suche nach einem Auto. Oder eher, nach dem Auto, denn der braune Mercedes SEC ‘81er Baujahr ist die wichtigste Sache im Leben von Magnus (Tilman Strauß), dem Besitzer der namensgebenden Bar ‚Feierabendbier‘. Dieser hatte mal Frau und Kind, meldet sich aber seit einem Jahr nicht mehr bei ihnen, sondern vegetiert ziellos von einem Tag zum nächsten. Bis eben sein Newtimer geklaut wird, und Magnus sich nicht nur aufmacht, den Dieb ausfindig zu machen, sondern parallel auch versucht, sein Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Dabei irrt er mit Hängerkumpel Dimi (Johann Jürgens) durch die abgeranztesten Ecken Münchens und schlägt sich mit ziellosen Künstlerinnen und Online-Poker-Wichsern herum.

Magnus‘ recht trockene und zynische Art dient dem Film als Fläche, von der die Skurrilität der übrigen Charaktere und der Situationen, in denen er sich wiederfindet, abprallen kann. Diese wird jedoch immer wieder gebrochen, denn auch Magnus ist letztendlich ein unreifer Lappen. So ist es gerade der ständige Wechsel zwischen Verständnislosigkeit den Anderen gegenüber und kindischen Trotzreaktionen seinerseits, der für die größten Lacher sorgt. Das regelmäßig entstehende Chaos in Swingerclubs oder bei der Exfrau wird durch die Szenen in der Kneipe geerdet, sodass man sich wohl nicht von ungefähr an die Bowlingbahn aus The Big Lebowski erinnert fühlt.

Im Gegensatz zur Stagnation beim Big Lebowski lässt sich Feierabendbier aber auf eine Reifungsgeschichte ein – und wird damit natürlich recht konventionell. Das muss aber nicht unbedingt schlecht sein, da Brummer den klaren Idealen eine Absage erteilt: Alle Figuren kleben an ihren eigenen Fetischen fest, die für sie nicht hundertprozentig zu funktionieren scheinen. Seien es nun das Auto, Sex, Astrologie oder die Familie: Niemand ist so richtig zufrieden mit seinem Leben, und sie alle wissen, dass am Horizont nicht das absolute Glück steht. Was ihnen jedoch bleibt, das ist der naive Glaube an ihre prekär gewordenen Ideale, und dieser ist es auch, der zumindest ein gewisses Maß an Glück ermöglicht. Perfekt ist die Welt damit noch lange nicht, aber immerhin „nicht scheiße“.

Diese Nachricht können wir als Publikum genauso mitnehmen: denn auch wir wissen, dass Filme nicht echt sind– was in Feierabendbier direkt angesprochen wird – und sie unsere Probleme nicht lösen werden. Und doch rennen wir gehetzt über die Berlinale und suchen nach Bestätigung für unseren naiven Glauben an unseren persönlichen Fetisch, den Film. Auch wenn er nicht perfekt ist, hat Feierabendbier diesen Glauben in mir bestärkt – und mich dabei köstlich unterhalten.

Sven

Bildmaterial: Filmstill Berlinale, Sektion: Perspektive deutsches Kino.

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