Insyriated: Dieser Film darf

Ein Film über Syrien, aha, denke ich beim Durchblättern des Programmes und frage mich was über den Bürgerkrieg noch gesagt werden muss. Welche Bilder man dazu gesehen haben muss, die nicht jeden Tag in den Nachrichten zu sehen sind. Jedesmal, wenn ich im Kino sitze, sitze ich schließlich im Kino und tue nichts um wirklich zu helfen. Was können Filme? Kann Kunst etwas bewegen?

„This is war, Raya, and it´s here to stay for a while.“

Dahingeworfene Worte der tobenden Mutter Yazan, die in ihrer Wohnung fünf Kinder, den alten Schwiegervater und auch noch ihre Nachbarin Halima mit dem neugeborenen Baby irgendwie von Tag zu Tag retten muss. Seit Tagen ist die Familie eingesperrt in die Wohnung. Auf den Innenhof haben Scharfschützen ihre Waffen gerichtet.

Das Kammerspiel des belgischen Regisseurs Philippe van Leuuw beginnt mit einem Tod. Das erste Bild gilt dem Innenhof, wo sich ein paar Männer in einem dichten Kreis versammelt haben. Direkt neben ihnen schlägt die erste Kugel in den Staub und sie fliehen in die Häuser. Dann hält die Kamera den alternden Großvater fest, sein Blick gilt dem Hof unten, unendlich schwer. Das Bild wandert weiter durch die Wohnung und endet an der zweifach mit dicken Balken verriegelten Tür. Niemand kann raus. Immer wieder donnern Bomben. Währenddessen planen Yazans Nachbarn Halima und ihr Mann Samir, am nächsten Tag mit ihrem Kind zu fliehen. Trotz der Gefahr verlässt Samir das Haus. Wenige Sekunden später liegt er von einer Kugel getroffen im Innenhof.

Von nun an ist der Blick in den Hof ein schuldbeladener, denn Yazans rechte Hand Delhani ist die Einzige, die den Schuss gesehen hat. Um zu verhindern, dass Halima sich für die Leiche in Lebensgefahr bringt, verheimlichen sie und Yazan der stillenden Halima den Tod ihres Mannes. Dieses Geheimnis durchzieht von Anfang an die gesamte Handlung und kostet die beiden Frauen in den engen Verhältnissen mehr und mehr Kraft zu verheimlichen. Trotzdem versucht Yazan das Familienleben zusammenzuhalten, irgendwie den Wassertank aufzufüllen ohne irgendjemanden in Gefahr zu bringen und wenigstens gemeinsam Mittag zu essen. Hiam Abass spielt diese Frau mit großer Präsenz und Intensität als einen Menschen, auf der immense Verantwortung liegt und, die in einer schrecklichen Situation schwerste Entscheidungen treffen muss. Immer wieder folgt die Kamera Yazan oder ihrem jüngsten Sohn durch die Wohnung, von Zimmer zu Zimmer, Familiemitglied zu Familienmitglied. Eingesperrt in ihrer Wohnung ist die Familie dem Krieg, der draußen wütet, machtlos ausgeliefert. Man spürt die Ohnmacht in jedem Bild und das lange Warten darauf, dass die Bomben aufhören und es endlich still wird. Dann klopfen unerwartet zwei Männer an die Tür und es bleibt keine Zeit mehr, schon sind sie durchs Fenster in die Wohnung eingebrochen und Yazan muss in Sekunden eine Entscheidung treffen. Die gesamte Familie riskieren oder die Nachbarin opfern? Halima und ihr Baby bleiben vor der Küchentür. Mutig versucht Halima noch dem Unvermeintlichen etwas abzuringen und verhandelt mit ihrem Vergewaltiger. Die Bilder, die folgen, tun richtig weh und geben sich keinerlei Voyeurismus hin. Überhaupt sieht man im ganzen Film keine Waffe, keine einzige Bombe fliegen. Alles wird über das Knattern der Maschinengewehre und das Sausen der fallenden Sprengkörper erzählt. Mehrfach zuckt das Publikum zusammen und hält den Atem an, als die Familie in der Küche Schutz sucht.

Insyriated konzentriert sich ganz auf die Menschen, ihre Notlage in der beengten Wohnung und destilliert die Erfahrung des Krieges in seiner unerträglichen Selbstverständlichkeit. Eine essentielle Stärke des Films: Samir, dessen Füße hinter einem Schuttberg hervorschauen. Großvater, der seinem Enkel versucht Geometrie beizubringen. Die Farbe der Gardinen hinter denen die Bomben einschlagen. Der unglaubliche Moment wo Yazan ihrer Schwiegertochter endlich sagt, dass ihr Mann tot ist. Oder etwa doch nicht? Diamand Abou Abboud spielt ihre Halima mit soviel Wucht, dass mir oft der Atem stockt. Die beiden Frauen stehen in dieser entscheidenden Szene dicht an dicht, Nase an Nase. Alles an Halima ist bis aufs Äußerste gespannt, ihre Hände packen zu. Ein Ausdruck der unglaublichen Wut und Fassungslosigkeit ist in ihr Gesicht geschrieben. Und Yazan blickt zurück – so gut sie eben kann.

Genau wegen dieser Feinfühligkeit laufen mir bei Insyriated die Tränen. Und deshalb lassen mich auch Filme in denen es um die Legitimationen oder irgendwelche „Seiten“ geht einfach nur kalt. Krieg weiter zu bebildern, der ständig in den Nachrichten bebildert wird, ist genauso unsinnig wie falsch und ermüdend. Die Wahl einer mittelständischen, liberalen Familie und eher konventioneller Musik ist eine bewusste Entscheidung und befreit den Film des immerhin belgischen Regisseurs von Exotisierungen oder Staffage. Philippe van Leeuw macht in seinem Fokus auf diese Familie so vieles richtig und gibt damit den Zuschauern die seltene Gelegenheit bei einem Film über den aktuellen Bürgerkrieg wirklich mitzufühlen. Es wäre eine unwürdige Übung im Betroffenheitskino, wenn dieser Film weniger klug und weniger gut gemacht wäre.

Die Welt ändert sich dadurch zwar erstmal nicht. Aber, so hoffen die Filmemacher, vielleicht wenigstens ein bisschen. Insyriated nicht zu machen wäre zumindest ein großer Fehler gewesen. Das findet auch das Publikum und dankt dem Team mit minutenlangem Applaus und Bravorufen.

Karen

 

(Bildmaterial: Berlinale Filmstills, Sektion: Panorama)

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