Sehsüchte 2017 – Erster Tag, Eindrücke und Highlights

So, Ihr Lieben,
Die Kinder sind zurück, denn es ist Festivalzeit. Genauer gesagt ein Kind, aber dafür kindisch für vier. Ich treibe mich für euch auf dem Sehsüchte-Festival herum, dem internationalen Studierendenfilmfestival, organisiert von Medienwissenschaftsstudis der Filmuni Babelsberg.

Dort zeigen junge Filmemacher aller Länder bis zum ersten Mai ihre Dokumentar- Kurz- und Lang-Filme. Nebenbei gibt’s noch Panels und Workshops von und für Filmschaffende, die Sehsüchte-Party am Samstag und ein Kicker- wie auch ein Fußballturnier. Geilo!

Der erste volle Festivaltag ist geschafft. Bevor ich zu meinen Highlights komme, möchte ich an dieser Stelle den Veranstaltern ein Kompliment machen. Das ganze Festival ist wirklich fantastisch organisiert und läuft quasi reibungslos ab. Auch die Filmschaffenden, mit denen ich mich unterhalten habe, sind sehr glücklich über die der Orga/ihren Unterbringungen und überhaupt. Ich bin jedenfalls schon jetzt ein großer Fan dieses Festivals.

So, nun aber Butter bei die Fische. Einige Screenings habe ich mittlerweile hinter mich gebracht. Kurz zur Erklärung: die Screenings finden größtenteils in einzelnen Filmblöcken statt, welche dann aus mehreren Kurzfilmen/Dokus/Langfilmen bestehen. Ein paar Highlights möchte ich auf jeden Fall schon einmal mit euch teilen.

Elegia (Elegy)

Regie: Alba Tejero

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Teenager sind scheiße, und Mobbing auch

In Alba Tejeros Kurzfilm Elegia sind zwei Mitschülerinnen Julias (Mireia Vilapuig) verunglückt. Die gesamte Schulgemeinschaft ist geschockt und trauert. Die ganze Schulgemeinschaft? Nein. Julia, von den beiden Verstorbenen über lange Zeit gemobbt, verfasst einen anonymen Brief á la „geschieht ihnen recht.“, woraufhin die gesamte Schule sich hasserfüllt daran macht herauszufinden, von wem dieser ‚abscheuliche Brief‘ stammt, um anschließend lynchmobartig ihren Frust am Überltäter auszulassen. So weit zur Handlung, nun zu meinem Urteil:

Elegia hat mir sehr gut gefallen. Das liegt zum einen daran, wie nüchtern und real der Film seine Geschichte erzählt. Auch die Perspektive, die nicht den Prozess des Mobbings zeigt, sondern die Folgen davon, ist eine frische, sehr subtile Herangehensweise an das Thema. Vor allem möchte ich aber die Performance der Hauptdarstellerin Mireia Vilapuig hervorheben, die wahnsinnig stark abliefert. Da der Film in der Teens-Sparte lief, konnte man ihre Performance direkt mit der anderer Jungschauspieler in den anderen Produktionen vergleichen und erkennt, dass es einfach sehr schwer ist, wirklich gute Schauspieler im Teenageralter zu finden, die eine Bandbreite verschiedener Emotionen gut rüberbringen können. Das ist Alba Trejero sehr gut gelungen, definitiv mein Favorit aus der Teens-Sparte.

Bag Mohajer – Tasche des Flüchtlings

Regie: Adrian Oeser

Bag Mohajer

Die Dokumentation von Adrian Oeser begleitet das Projekt Bad Mohajer, das von afghanischen geflüchteten Schneidern in Griechenland ins Leben gerufen wurde. Aus den Überresten der Boote (Stoffe, aber vor allem auch Schwimmwesten) nähen sie Taschen, die von Geflüchteten auf ihrer Weiterreise oder im Alltag gebraucht werden können. Allein, weil das Projekt sehr nice ist, hat der Film eine Erwähnung in meinen Highlights verdient, aber auch technisch ist er sehr gut gemacht. Da gibt es beispielsweise einen Drohnenshot, als das Team auf Lesbos Materialien besorgt (die Reste der Boote liegen wie auf einem Schrottplatz herum). Die Kamera zoomt also heraus, und man erkennt, dass die Sammler in einem gigantischen Meer aus bunten Schwimmwesten stehen, sodass klar wird, wie viele Leute an dieser Küste angekommen sein müssen. Schon klar, dass Drohnenaufnahmen im Moment sehr en vogue sind, dieser war aber sehr angebracht und gelungen.

Mehr Infos zum Projekt findet ihr übrigens auf deren Website. Schaut euch das mal an, die leisten echt gute Arbeit.

Vivimos (We Live)

Regie: Guillermo Trochon

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So, jetzt aber mal was Lustiges: In Vivimos ist der junge Genussraucher (3 Zigaretten am Tag, alle zu fixen Anlässen) Felipe (gespielt von Brandolino Bruno) plötzlich mit Lungenproblemen konfrontiert. Um mit dem Rauchen aufzuhören, sucht Felipe nun nach Ausweichmöglichkeiten, wenn er doch wieder Lust auf eine Kippe bekommt und greift dafür auf einige absurde Methoden zurück.

In nur zehn Minuten feuert Regisseur Guillermo Trochon, ein kleines, feines Gagfeuerwerk ab. Vivimos profitiert vor allem von der rasanten wie kreativen Inszenierung und dem Charme des Hauptdarstellers. Hat Bock gemacht.

Querido Guillermo, si estás leyendo esto, les dije que me gustó tú película.

Watu Wote (All of us)

Regie: Julia Drache

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Watu Wote thematisiert anhand von realen Ereignissen den Terror durch Al-Shabaab in Kenia und vor allem die Spaltung, die dieser innerhalb einer Bevölkerung hervorruft, die sich zunehmend in Christen und Muslime aufteilt. Die Reise einer jungen Christin voller Hass auf Muslime nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als der Bus von Al-Shabaab attackiert wird und die muslimischen Reisenden die christlichen Mitfahrer schützen. Der Film ist stark erzählt und mein bisheriger Liebling des Festivals. Vom Anfang, der die Spannungen und die Paranoia zwischen Muslimen und Christen sehr realitätsnah erzählt bis zum hochspannenden Finale: Hier stimmt fast alles. Watu Wote wird sicherlich noch auf einigen anderen Festivals zu sehen sein. Wer interessiert ist, kann ihn heute (28.04) Abend noch auf dem Sehsüchte-Festival in Potsdam bewundern. Kommt rum, ich würde mich freuen.

Das war´s von mir für heute, ich muss jetzt weiter glotzen.

Tschüssi und bis bald, Janosch.

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