Twarz (Mug) von Małgorzata Szumowska – Von Gesichtern und Außenseitern

Das Gesicht verlieren, das heißt im allgemeinen Sprachgebrauch, Ansehen, Glaubwürdigkeit, Würde, Respekt einzubüßen. Vor allem in öffentlichen Räumen sind wir alle (das beschränkt sich ja nicht nur auf asiatische Kulturräume) darum bemüht, unser Gesicht zu wahren. In Twarz (Mug) von Małgorzata Szumowska verliert der Protagonist Jacek (Mateusz Kościukiewicz) sein Gesicht, hier allerdings wortwörtlich. Daraus entspannt sich ein facettenreiches Drama, das feinfühlig und mit viel Witz Fragen zu Außenseitertum und Identität verhandelt.

Jacek lebt mit seiner Familie auf einem bescheidenen Bauernhof in der polnischen Pampa. Hier soll die größte Christus-Statue der Welt errichtet werden (da hat eindeutig die Christus-König-Statue von Świebodzin Pate gestanden, wobei das im Film bis auf den Abspann nicht erwähnt wird). Jacek arbeitet auf der Baustelle des Monuments. Ansonsten irritiert er die Dorfgemeinschaft und seine Familie mit seinen langen Haaren, Metalkutten und kleinen spitzbübischen Provokationen, die ihm letztendlich aber niemand wirklich übel nimmt. Gemeinsam mit seiner Freundin Dagmara (Małgorzata Gorol ) genießt er so das selbsterwählte Leben als Außenseiter. Das ändert sich drastisch, als er auf der Baustelle einen Unfall hat, der sein Gesicht komplett zerstört und er der europaweit erste Empfänger eines vollständig transplantierten Gesichts wird. So ist er zwar über Nacht berühmt und vielleicht besser bedient als ganz ohne Gesicht. Allerdings ist der Heilungsprozess nicht nur lang und teuer, Jacek erkennt sich selbst auch nicht mehr im Spiegel. Er hat zudem enorme Probleme, zu sprechen, und kann sein Gesicht bis auf ein Auge quasi nicht mehr bewegen.

Hier ändert sich der Ton des Filmes. Jacek ist nun Außenseiter wider Willen, seine Familie ist befremdet von seiner neuen „Fresse“, seine Freundin verlässt ihn und die gesamte Dorfgemeinschaft betrachtet ihn mit einer Mischung aus Angst und Argwohn. Ist er überhaupt noch derselbe? Nur Jacek selbst hat daran keine Zweifel. Es geht einem schon ans Herz, mit welchem Optimismus er sich seinem Schicksal fügt, obwohl er oft genug unter dessen Last zusammenzubrechen droht.

In der ersten Hälfte ist Twarz also ein unterhaltsamer Film über das Leben als Außenseiter auf dem Land. In der zweiten entwickelt er sich zum berührenden Drama über Identität, Familienbande und gesellschaftliche Oberflächlichkeit, ohne dem Zuschauer dabei eine Meinung diktieren zu wollen. Trotz der schweren Thematik bleibt der Film seiner Leichtherzigkeit treu und ist an vielen Stellen auch nach dem Unfall noch sauwitzig.

Die Entscheidung der Regisseurin, den gesamten Film über nur einen kleinen Bereich des Bildschirms scharf zu zeigen, muss thematisiert werden. Man achtet nicht nur auf den Bereich, der hervorgehoben wird, sondern entdeckt kleine Details im verschwommenen Rand. Für jeden Film wünsche ich mir das natürlich nicht, hier hat es meiner Meinung nach gut funktioniert.

Besonders hervorheben möchte ich noch die Performance von Hauptdarsteller Mateusz Kościukiewicz, der den Großteil des Films de facto nur mit einem Auge spielt und trotzdem wahnsinnig starke Emotionen rüberbringt. Für mich ein Kandidat für den silbernen Bären. Ein schöner Film, dem ich im Wettbewerb, der dieses Jahr eher schwach besetzt ist, einige Lorbeeren zutraue.

Janosch

Bildmaterial: Filmstill Berlinale, Sektion: Wettbewerb

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