Gefangen zwischen Welten – Mãe só há uma

Der Hauptcharakter in Anna Muylaerts neuestem Film Mãe só há uma (Don’t call me son), ist zwischen Welten gefangen – zwischen einer Familie, die Jahre lang nach ihm gesucht hat und einer, die durch das Gesetz zerstört wurde, und gleichzeitig zerrissen zwischen verschiedenen Entwürfen seiner selbst. Muylaerts gewann letztes Jahr mit Que horas ela volta den Panorama Publikumspreis auf der Berlinale. Dieses Jahr kehrt sie also zurück. In Mãe só há uma behandelt sie Fragen von Familie, Identität und Sexualität virtuos und charmant durch die Augen eines jungen Mannes.

Pierre (Naomi Nero) ist auf einer Party und tanzt mit einem Mädchen, schleppt sie ins Badezimmer, um mit ihr Sex zu haben. Während des Aktes schwenkt die Kamera nach unten, Pierres Spitzenunterwäsche kommt zum Vorschein, und der junge Mann ist als seiner Identität und Sexualität unsicherer Mensch etabliert – der eine Freundin hat, sich jedoch heimlich schminkt und Kleider trägt.

Zu hause spielt sich ein normales Leben ab – Mutter Aracy (Dani Nefusi) kümmert sich liebevoll um Pierre und seine kleinere Schwester Jacqueline (Lais Dias). Als sie jedoch erfahren, dass diese gar nicht ihre leibliche Mutter ist, sondern sie von ihren biologischen Familien gestohlen hat, bricht für Pierre (bei seiner Geburt „Felipe“ getauft) und Jacqueline  die wohlbehütete Welt zusammen. Die neue alte Familie rund um die invasive Mutter Gloria (ebenfalls gespielt von Dani Nefusi) hat wiederum eine ganz eigene Vorstellung von dem Sohn, den sie sich wünscht. Dem hier aufziehenden Familienkonflikt gilt aber nicht Muylaerts Hauptaugenmerk. stattdessen dient er als Hintergrund, vor dem Pierres innere Konflikte ausgetragen werden, in denen es um Geschlechtlichkeit, Sexualität und Selbstakzeptanz geht.

Mãe só há uma verhandelt schwere Themen mit einem sehr umsichtigen und gefühlvollen Blick und zeichnet auch neben seiner Hauptfigur vielschichtige Charaktere, die ebenso wie Pierre zwischen Stühlen stehen: Aracy, der ihre zwar illegitimen, aber geliebten Kinder weggenommen wurden, Pierres biologische Familie, die zwischen Akzeptanz und Erwartung hin- und hergerissen scheinen, oder Jacqueline, die ‚Wiedersehensfreude‘ und Angst vorm Abschied zugleich in sich trägt (und in einer der berührendsten Szenen des Films genau diese Überforderung in leiser Verzweiflung artikuliert). Muylaert beweist hier Blick fürs Kleine und inszeniert ruhige, herzergreifende Szenen ohne Pathos. Die ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen (allen voran Naomi Nero in siener ersten grossen Rolle und Dani Defusi, die beide Mutterfiguren so unterschiedlich spielt, dass sie kaum als von derselben Person dargestellt zu erkennen sind) tun ihr Übriges.

Ein Film, den man sich definitiv anschauen sollte – und, um die Worte des Publikums zu wiederholen: Anna, komm bitte wieder!

Jürgen

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