Provisorische Familie und ein Penisberg: Karera ga honki de amu toki wa (Close-Knit)

Tomo geht in die fünfte Klasse und steht alleine auf, zieht sich alleine an, geht zur Schule. Auf dem Tisch liegen in Plastik verpackte Onigiri aus dem Convenience Store. Alles wie jeden Tag. Dann liegt da eines Morgens aber auch noch ein Zettel und es wird klar: Tomos Mutter hat nicht zum ersten Mal den Job gekündigt und läuft vor ihrer Tochter weg. Als Tomo bei ihrem Onkel aufgenommen wird, zieht sie auch mit seiner neuen Frau Rinko zusammen, die früher mal ein Mann war. Rinko nimmt den Neuzugang liebevoll auf, kocht fantastisch und bald entspinnt sich zwischen den beiden eine fragile Mutter-Tochter-Beziehung.
Karera ga honki de amu toki wa oder auf Englisch Close-Knit erzählt die Geschichte von Tomo auf eine behutsame, mitfühlende Weise und hat ein paar tolle, überraschende Szenen. Bevor sich also die neu zusammengeworfene Nuklearfamilie in Gefühligkeit verlieren kann, kommt die Außenwelt dazwischen. Zum Beispiel, wenn Tomo die Mutter ihres Klassenkameraden im Supermarkt mit Spülmittel vollspritzt, weil sie Rinko wegen ihrer Transsexualität beleidigt. Oder als klar wird, dass Rinko lange, bunte „Socken“ strickt, die für ihren Penis stehen. 108 davon möchte sie stricken, nach den 108 Perlen an der buddhistischen Gebetskette, und dann endlich auch ihren Pass ändern – geistig und körperlich ist sie schon längst eine Frau. In einem schönen Moment an der japanischen Küste verbrennt die provisorische Familie den Penisberg gemeinsam. Trotz dieser Szenen ist der Film aber deutlich zu lang und, obwohl Tomos und Rinkos Geschichte immer über die Menschen in ihrem Umfeld erzählt wird, bleiben die meisten Figuren ohne echten Charakter.
Zu oft fährt die Kamera, sonst eher auf Distanz bleibend, während der Szene langsam näher und findet zu keiner wirklichen Sprache um der Geschichte einen Rahmen zu geben. Rinkos Körperlichkeit, die von Schauspieler Toma Ikuta an Vorstellungen der Yamato Nadeshiko, ein japanisches Frauenideal, angelehnt wurde, vollendet sich in der stets liebevollen und geduldigen Fürsorge für Tomo, auch trotz ihrer Berufstätigkeit als Altenpflegerin. Zum Glück wird dieses ungemein verstaubte Familienbild immer wieder ein bisschen aufgebrochen, sodass Rinko einen von vielen möglichen Lebensentwürfen gewählt zu haben scheint.

Als Tomo am Ende doch zu ihrer echten Mutter zurückkehrt ist ihr Leben zwar nicht plötzlich völlig anders geworden, doch sie hat aus ihrer Einsamkeit gefunden, stricken gelernt und in Rinko die beste aller Tanten gefunden.

Karen

 

(Bildmaterial: Berlinale Filmstill, Sektion: Panorama)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.