Fuocoammare – Ein Text aus Fassungslosigkeit

Dies ist nicht direkt eine Filmkritik zu Fuocoammare von Gianfranco Rosi. Ich kann den gerade gar nicht wirklich bewerten, zumindest nicht als ganzen Film. Zu sehr hat mich eine Szene aus der Dokumentation über Lampedusa – und sowohl den dortigen Alltag italienischer Kleinfamilien als auch die ankommenden Flüchtenden – erschüttert, zu schlecht ist mir immer noch beim Gedanken daran. Deswegen werde ich hier auf einigen Zeilen meinem Ärger (oder ist es irgendwie Verzweiflung? auf jeden Fall Entrüstung und Ekel) Luft machen.

Worum geht es genau? Im letzten Drittel des Filmes erleben wir nicht nur, wie das Team der Küstenwache Ausschau nach Booten hält. Stattdessen befindet sich das Filmteam auf einem kleinen Rettungsboot, dass direkt auf einen über die Wellen treibenden Kahn voller Menschen zusteuert. In den nächsten zehn Minuten müssen wir Zeuge davon werden, wie die Kamera schonungs- und rücksichtslos ein Alptraumbild nach dem nächsten produziert; komplett dehydrierte Männer liegen mit Schnappatmung auf dem Deck des Küstenwacheschiffes, zucken unkontrolliert, ein Arzt kommentiert sie würden es wohl nicht schaffen. Traumatisierte Geflüchtete lehnen aneinander und heulen unkontrolliert, gießen sich mit leerem Blick Wasser über den Kopf – und das Filmteam hält weiter drauf. Letztlich – man ahnt es bereits – eine ausgedehnte Tour durch den Frachtraum des Kahns, dessen Boden mit verstorbenen Flüchtenden übersät ist.

In dieser Szene werden Menschen, die quasi alles verloren haben und teilweise an der Schwelle zum Tod stehen, brutal einem Blick ausgesetzt, der ihr Leid nicht nur bloßstellt, sondern auch noch speichert, um es immer wieder abrufbar zu halten. Sie werden letztenendes des fast einzigen beraubt, was sie noch haben – ihrer Würde. Denn dass die Gefilmten nach ihrem Einverständnis gefragt wurden, bevor ihnen eine Kamera mitten ins Gesicht gehalten wird, scheint mehr als unwahrscheinlich. Einige konnten zumindest kein Einverständnis mehr geben – diejenigen, die im Sterben lagen oder den Strapazen der Flucht bereits erlegen waren.

Die Diskrepanz zwischen dem Wert der Privatsphäre und Integrität der Flüchtenden im Vergleich zu der von Europäern, der für das Filmteam anscheinend besteht – auch wenn sie das wohl nicht eingesteht – wird dann deutlich, wenn man sich die Familienszenen der Bewohner Lampedusas vergegenwärtigt: mit diesen haben die Macher von Fuocoammare wochen- oder monatelang gearbeitet und gesprochen, und der kleine Samuele wird es wohl viel Spaß dabei gehabt haben, zum Augenarzt begleitet zu werden. Auf diese Weise wird den verschiedenen italienischen Protagonisten eine Stimme gegeben, sie dürfen ihre Geschichten erzählen, so wie sie das möchten. Wenn es dann jedoch in Begleitung des – ebenfalls mit dokumentarischen Samthandschuhen angefassten – Rettungsteams zum Flüchtlingsboot geht, zählen nicht mehr die selben Regeln.

Die Flüchtenden sind in diesem Film keine Akteure. Sie sind Objekte, oder besser – ein einziges Objekt, die entindividualisierte Masse der Fremden, deren Leid wir nun beschauen können. Und genau dafür ist das Leid der Flüchtenden in diesem Film aufs Äußerste ausgestellt: dass wir Kinozuschauer_innen uns daran ergötzen und erschaudern und uns schlecht fühlen können. Dafür wird ihnen das Letzte genommen, und wir klatschen eifrig und zeigen das Ganze im Wettbewerb und sagen es ‚rüttle endlich auf‘ und ‚anders könne man das eben nicht nachvollziehen‘. Woher nimmt man sich dieses Recht? Woher nimmt man den Anspruch, den Todeskampf von Menschen nachvollziehen zu dürfen? Es gibt einen Grund, warum man sich in KZ-Gedenkstätten nicht in Krematorien hineinlegen darf, um ‚das Leid nachzuvollziehen‘. Was für ein widerlicher Voyeurismus! Wie wenig Empathie und Respekt vor den Rechte der Leute, für deren Rechte sich Fuocoammare doch eigentlich einsetzen möchte!

Sven

Ein Gedanke zu „Fuocoammare – Ein Text aus Fassungslosigkeit“

  1. Hallo,
    super Artikel. Konnte dieses Jahr leider nicht anwesend sein und durchforste nun das Internet nach einigen Eindrücken.
    Nächstes mal bin ich dann hoffentlich auch wieder dabei.

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