Gut schrecklich, aber was bleibt?- der Goldene Handschuh von Fatih Akin

Ist ein Film automatisch schlecht, wenn er stellenweise so eklig ist, dass es einem die Fußnägel hochrollt und man sich im Kino oft wünscht, woanders zu sein? Nein, auf keinen Fall. Im Fall des Goldenen Handschuh von Fatih Akin würde ich argumentieren, dass die angewiderten Reaktionen des Publikums (mich eingeschlossen) eher ein Qualitätsmerkmal sind. Am Ende bleibt für mich aber das Fragezeichen: war das grade nur eine abgefahrene Geisterbahnfahrt, oder bleibt hier wirklich was zurück? weiterlesen →

Fortschritt im Tal der Ahnungslosen – Auf der Suche nach den Wurzeln von Pegida

Ein Film über Erinnerungen – und zugleich über die Gegenwart. Florian Kunert, selbst 1989 im sächsischen Neustadt geboren, erkundet in seinem experimentellen Dokumentarfilm die Einstellungen und Erinnerungen ehemaliger DDR-Bürger*innen aus dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ hinter Dresden, indem er sie einen „Deutsch-Orientierungskurs“ für syrische Geflüchtete geben lässt – inklusive gelebter Geschichte mit Pionierappellen und Uniformen. Klingt abgefahren? Ist es auch, und gerade deshalb ein (größtenteils) sehr gelungenes Erstlingswerk, das in der Perspektive deutsches Kino ebenso gut aufgehoben wäre wie im Forum.

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Voll deep, ey – easy love von Tamer Jandali

Ein „dokumentarischer Spielfilm“ über Menschen, die bei ihrem Suchen nach und Versuchen mit der Liebe begleitet werden – und dabei „sich selbst spielen“. Klingt spannend! Geht aber leider gehörig in die Hose.

Das liegt vor allem daran, dass die Wette auf die hybride Form – dokumentarisch, aber mit inszenierten Elementen – nicht aufgeht. Statt die Grenzen zwischen beiden Formen zu verwischen und auch die inszenierten Szenen dokumentarisch wirken zu lassen, passiert genau das Umgekehrte: Auch die dokumentarischen Szenen bekommen zu großen Teilen etwas gekünsteltes, wirken aufgesetzt. Dem Film gelingt genau das nicht, was intime Dokus ausmacht (und was der Regisseur Tamer Jandali nach der Vorführung für sich beanspruchte), nämlich die Gefilmten die Kamera vergessen zu lassen. In easy love hingegen wirken der Umgang und das Sprechen zwischen den Auftretenden allzu oft zu emphatisch, zu wohlartikuliert, zu sehr für ein Publikum gesagt und getan, als dass es sich ‚echt‘ anfühlen könnte. Heraus kommt ein Film, der weder den Kriterien des Dokumentarischen, noch des Spielfilms genügt: Er wirkt eben wie schlecht gespielt.

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Nichts Halbes und nichts Ganzes: To thávma tis thálassas ton Sargassón

To thávma tis thálassas ton Sargassón von Syllas Tzoumerkas ist ein eigenartiger Film. Er durchkreuzt seine eigenen Annahmen pausenlos und scheint eine ganze Weile vor allem auf Desorientierung und überfordertes Lachen abzuzielen. So etwas lässt sich eigentlich nur schwerlich bewerten, denn entweder, man steht auf abgedrehten Scheiß, oder eben nicht, oder? Nicht ganz, denn eine Regel gibt es bei Grotesken dann doch: Wenn du dich einmal in das Chaosland begibst, kannst du nicht mehr raus. Genau das versucht Sargassón aber, und in seiner Rückkehr zu einem ernsten Tonfall und kohärentem Handlungsablauf verspielt er die Immunität, die seine erste Hälfte noch innehatte.

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Fantastisch als Filmessay, eher mittel als Spielfilm – Grâce à Dieu von François Ozon

Filme über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche gab es in den letzten Jahren ja schon einige. Nicht, dass das etwas Schlechtes wäre, im Gegenteil. Während Spotlight aber sehr nah an den außenstehenden Journalisten dranblieb, die die Missbrauchsfälle aufdeckten, und der exzellente El Club aus dem Jahr 2015 die Sicht straffälliger Priester erzählt, gibt François Ozon in Grâce à Dieu den Opfern von Missbrauch eine Stimme. Auch die Erzählstruktur und der Ton des Films hebt sich deutlich von vermeintlich vergleichbaren Filmen ab. weiterlesen →

Keine Sekunde zu lang – Systemsprenger von Nora Fingscheidt

Systemsprenger von Nora Fingscheidt ist ein Film, der sich viel Zeit nimmt, um auf den ersten Blick recht wenig zu erzählen. Ziemlich genau zwei Stunden lang beleuchtet er das Leben der titelgebenden ‚Systemsprengerin‘ Benni (Helena Zengel), einem neunjährigen Mädchen, das von Heim zu Heim und Erziehungsmaßnahme zu Erziehungsmaßnahme gebracht wird, nur um jedes Mal aufs Neue kurz darauf gewaltsam auszubrechen. Dabei wiederholt der Film beständig die zirkuläre Abfolge von Aggression zu Erschöpfung zu aufkeimender Hoffnung zu erneuter Aggression. Dieser gebetsmühlenartige Eskalationszyklus ist anstrengend und aufreibend anzuschauen, aber notwendig. Denn in der Wiederholung entfaltet Bennis Geschichte eine emotionale Schlagkraft, die es in sich hat. weiterlesen →

The Kindness of Strangers – Ein Eröffnungsfilm wie ein Kirchgang

Das Motiv ist offensichtlich: ‚Freundliche Fremde‘ – welch besseres Motto in Zeiten wachsender Xenophobie. Über einen platten Aufruf, nett zu sein, kommt der Film von Lone Scherfig allerdings leider nicht hinaus. Dafür ist er so weichgespült, dass es weh tut.

Dass und warum man von Eröffnungsfilmen nie viel erwarten sollte, hat ja Janosch bereits in seinem Beitrag aus Göteborg ausgeführt. Das hält mich allerdings nicht davon ab, immer wieder ins Staunen zu geraten, angesichts der wiederkehrenden Fehlgriffe eines Festivals wie der Berlinale, das den dezidierten Anspruch hat, ein politisches und kritisches Programm zu machen.

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Grüße aus dem Sarg! Aniara in „the Worlds most Claustrophobic Cinema“

Da stand ich also, irgendwo am Rande Göteborgs im Schnee, vor einem quadratischen Glaskasten und wartete auf das Abholkommando. Mit mir fünf weitere, die sich ebenfalls Tickets für „das klaustrophobischste Kino der Welt“ gesichert hatten. Die Aktion ist schnell erklärt: man geht allein in einen Sarg, bekommt dort einen Film gezeigt, fertig. Da ich nicht grade als Horrorfan bekannt bin, war ich ganz schön erleichtert, als ich hörte, dass wir das schwedische „Sci-Fi Epos“ Aniara sehen würden. Gleichzeitig freute ich mich auch drauf, Klaustrophobie ist ja eh ein klassisches Science Fiction Element, das würde also sicher gut passen. weiterlesen →

Sons of Denmark – Populismus, Terror und die Polizei

Terroranschlag. Die Stimmung in der Gesellschaft kippt. Faschismus? In Ulaa Salims Dystopie Sons of Denmark: ja.

Während sich aus dem Nazi-Teil der dänischen Bevölkerung die radikale Terrorgruppe „Sons of Denmark“ bildet, haut Martin Nordahl (Rasmus Bjerg) in bester Höcke-Manier rassistischen Bullshit raus und führt damit die Wahlumfragen an. Die direkten Konsequenzen der Radikalisierung der Gesellschaft spürt auch der junge Migrant Zakaria (Mohammed Ismail Mohammed), der sich deshalb einer arabischen „Widerstandsgruppe“, defacto einfach eine den Sons of Denmark entgegengesetzte Terrorzelle, anschließt. Dort wird er von Ali (Zaki Youssef) trainiert und auf seine große Mission vorbereitet: ein Attentat auf Martin Nordahl. Gleichzeitig erleben wir als Zuschauer den merkwürdigen Zwiespalt in der Polizei, die auf dem rechten Auge blind zu sein scheint. weiterlesen →