Di jiu tian chang (So long, my Son) von Wang Xiaoshuai – Der beste Film des Wettbewerbs

Chinesisches Kino wird auf Filmfestivals gerne durch eine ‚politische‘ Brille betrachtet: Jeder Film aus der Volksrepublik wird an seiner Antwort auf die Gretchenfrage nach der Systemkritik gemessen. Je klarer diese formuliert ist, desto wohlwollender wird der Film aufgenommen – außer natürlich, er wird von der Zensur kassiert, wie der diesjährige Wettbewerbsbeitrag Yi miao zhong (One Second) von Zhang Yimou, der aufgrund von „technischen Problemen“ abgesagt wurde (eine kritische Positionierung der Berlinale-Leitung hierzu steht übrigens noch aus, hust hust).

Di jiu tian chang (So long, my Son) von Wang Xiaoshuai ist diesem Schicksal entgangen, und das ist ein Grund zur Freude, da der Wettbewerb mit ihm seinen wohl besten Beitrag verloren hätte. Und ja, natürlich ist der Film auch politisch, und ja, dazu werde auch ich einige Worte verlieren. Unabhängig davon funktioniert So long, my Son aber als zeitloses Meisterstück über die entzweiende Kraft von Verlust und Schuld und die Möglichkeiten, diese zu überwinden.

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Temblores von Jayro Bustamante – Ein Hoch auf zurückgenommenes Kino

Der guatemalische Regisseur Jayro Bustamante kehrt nach vier Jahren zurück zur Berlinale. Während sein Debütfilm Ixcanul im Wettbewerb gelaufen ist, erscheint sein zweiter Langspielfilm Temblores im Panorama. Bustamantes Herangehensweise hat sich dabei nicht geändert: Wie auch Ixcanul ist Temblores zu einem Teil beobachtende Gesellschaftsbeschreibung und zu einem Teil persönliches Drama über eine Figur, die von den gesellschaftlichen Zwängen an der Selbstentfaltung gehindert wird. Im Vergleich mit seinem Debütfilm erlaubt Bustamante sich hier jedoch, deutlich klarer Kritik an den gesellschaftlichen Umständen zu formulieren und sie in ihren eigenen Widersprüchen zu verwickeln. Dabei bleibt sein Blick nüchtern und zurückgenommen und lässt vielmehr die Figuren und ihre Emotionen sprechen, als diese offensiv zu inszenieren. Genau die richtige Entscheidung.

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Nichts Halbes und nichts Ganzes: To thávma tis thálassas ton Sargassón

To thávma tis thálassas ton Sargassón von Syllas Tzoumerkas ist ein eigenartiger Film. Er durchkreuzt seine eigenen Annahmen pausenlos und scheint eine ganze Weile vor allem auf Desorientierung und überfordertes Lachen abzuzielen. So etwas lässt sich eigentlich nur schwerlich bewerten, denn entweder, man steht auf abgedrehten Scheiß, oder eben nicht, oder? Nicht ganz, denn eine Regel gibt es bei Grotesken dann doch: Wenn du dich einmal in das Chaosland begibst, kannst du nicht mehr raus. Genau das versucht Sargassón aber, und in seiner Rückkehr zu einem ernsten Tonfall und kohärentem Handlungsablauf verspielt er die Immunität, die seine erste Hälfte noch innehatte.

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Keine Sekunde zu lang – Systemsprenger von Nora Fingscheidt

Systemsprenger von Nora Fingscheidt ist ein Film, der sich viel Zeit nimmt, um auf den ersten Blick recht wenig zu erzählen. Ziemlich genau zwei Stunden lang beleuchtet er das Leben der titelgebenden ‚Systemsprengerin‘ Benni (Helena Zengel), einem neunjährigen Mädchen, das von Heim zu Heim und Erziehungsmaßnahme zu Erziehungsmaßnahme gebracht wird, nur um jedes Mal aufs Neue kurz darauf gewaltsam auszubrechen. Dabei wiederholt der Film beständig die zirkuläre Abfolge von Aggression zu Erschöpfung zu aufkeimender Hoffnung zu erneuter Aggression. Dieser gebetsmühlenartige Eskalationszyklus ist anstrengend und aufreibend anzuschauen, aber notwendig. Denn in der Wiederholung entfaltet Bennis Geschichte eine emotionale Schlagkraft, die es in sich hat. weiterlesen →

Audiovisueller Neon-Punk – Khook (Pig) von Mani Haghighi

Hasans (Hasan Majuni) Arbeit wird nicht geschätzt: Nicht von seiner Muse, die mit einem anderen Regisseur drehen möchte, nicht von den iranischen Behörden, die ihn seit Jahren keine Filme machen lassen, und nicht von der Werbebranche, für die er nun Spots drehen muss,um sich über Wasser zu halten. Und scheinbar respektiert ihn nicht einmal der Serienkiller, der in Teheran einen Filmemacher nach dem anderen umbringt und nur ihre mit „Khook (Schwein)“-Einritzungen verzierten Köpfe zurücklässt. Der verschont ihn nämlich und ruiniert damit dessen Ruf – meint zumindest Hasan selbst, als er sich bei seiner Mama über all die Ungerechtigkeiten ausheult, die ihm widerfahren. Die weiß, wie sie ihren Sohn aufbauen kann: „Keine Sorge, mein Schatzi, der Killer kommt schon noch zu dir – er hebt sich den Besten eben für den Schluss auf!“ weiterlesen →

Der Film heißt „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ und ist eine Katastrophe

„Robert, ich schreibe am Montag Abitur! In Philosophiee [sic]!“ herrscht Elena (Julia Zange) ihren Zwillingsbruder Robert (Josef Mattes) an und liefert dem Publikum damit eine ungelenke Exposition. So wird also das „Philosophieren“ gerechtfertigt, das uns Philip Grönings Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot aufbürdet und das in einen wohl als erschütternd beabsichtigten Gewaltexzess mündet. Dieses späte Schreien, Schießen und Ficken gerät aber ebenso ermüdend, wie das ihm vorangehende Gelaber und Gehabe geschwollen und oberflächlich ist. weiterlesen →

Liegengelassene Fäden – Die defekte Katze von Susan Gordanshekan

Mina (Pegah Ferydoni) lebt im Iran und ist als unverheiratete Frau Mitte 30 ihren Sonderlings-Status leid. Lustig sollte er sein, ungefähr in ihrem Alter und Akademiker, der Ehemann. Diese reichlich vage Beschreibung trifft auf Kian (Hadi Khanjanpour) zu, der in Deutschland aufgewachsen ist und Mina nach der arrangierten Hochzeit zu sich holt. Dort versuchen die beiden, sich mit ihrem gemeinsamen Leben anzufreunden und Gefühle füreinander zu entwickeln. Das ist grundsätzlich eine schöne Ausgangslage für einen reflektierten Film über Geschlechterrollen, Erwartungen an Beziehungen und kulturelle Differenz. weiterlesen →

Feierabendbier – Jeder ist scheiße, aber zum Glück nicht ganz

Das konservative Kino erfreut sich seit Jahrzehnten einer Konjunktur, deren Ende nicht abzusehen ist. Das nächste Spielbergsche Epos läuft ab nächster Woche in den Kinos, beim Eröffnungsfilm dieser Berlinale triumphiert Gut gegen Böse und die Kids aus Fack ju Göhte 3 sind schlussendlich brav angepasst. Solch unglaubwürdige Vereinfachungen der Welt nerven und verdecken dabei, dass das Hochhalten gewisser Ideale nicht immer restriktiv sein muss. Eine gute und vor allem unheimlich spaßige Gegenerzählung dazu bietet Feierabendbier, das Spielfilmdebüt von Ben Brummer. In dieser absurden Komödie mit Noir-Einschlägen werden nämlich die großen Erzählungen von wahrer Liebe und Glück dekonstruiert, ohne, dass Brummer dabei in einen zynischen Nihilismus abgleitet.

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Guter Hund! Böser Nazi! Isle of Dogs von Wes Anderson

Vor vier Jahren kam ich mit leuchtenden Augen aus dem Eröffnungsfilm meiner ersten Berlinale und war überzeugt – Grand Budapest Hotel war ein genialer Film und dazu ein toller Eröffnungsfilm. Dementsprechend euphorisch fiel auch unser Urteil zu Wes Andersons letztem Film aus. Heute bin ich reflektierter – vielleicht auch mürrischer – und müsste meine Kritik von damals revidieren. Zum Glück geht es aber heute nicht darum, sondern um Isle of Dogs, Andersons zweitem Animationsfilm, mit dem er eine weitere Berlinale eröffnet. Und auch wenn ich gerade die erste halbe Stunde eine ähnliche Begeisterung verspürt habe wie bei Grand Budapest Hotel, muss ich mich diesmal etwas bedeckter halten. Vielleicht bin ich damit ja in vier weiteren Jahren immer noch einverstanden.

Isle of Dogs erzählt von einem Japan der nahen Zukunft, in dem sämtliche Hunde einer Metropole als Krankheitsherde gesehen und auf die praktischerweise schon ‚Trash Island‘ genannte Müllkippe im Meer vor der Stadt verbannt werden. weiterlesen →