Nasht – metaphernreicher Start, zäher Rest

Ich muss ja gestehen: Ich bin ein ziemlicher Fan des iranischen Kinos – nicht, dass ich mich damit sonderlich gut auskennen würde. Aber in den letzten Berlinale-Jahren gab es fast immer einen iranischen Film, der mich auf besondere Weise begeistert oder fasziniert hat. Dieses Jahr kam dafür nur ein Kandidat in Frage: Nasht (engl. Leakage) von der Regisseurin (!) Suzan Iravanian. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Wurden sie erfüllt? Leider nur in den ersten 30 Minuten.

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Fisch lernt fliegen – Viel Style, keine Substanz? (Telefonkritik mit Sven)

Ein weiterer Film aus der Perspektive deutsches Kino: Eine Frau in Venedig, ein toter Goldfisch, jede Menge Espresso und ein mysteriöser Concierge. Ergebnis: Ein erfrischendes, kurzweiliges Ideenfeuerwerk – aber leider nicht rund. Um herauszufinden, warum das so ist, hab ich Sven nach dem Kino angerufen:

PS: Im Nachgespräch meinte der Regisseur auf die Frage, warum ausgerechnet Venedig: Das sei wie mit diesem Film; wenn einer sein Haus in der Lagune baut, dann ist es nach einem Jahr verschwunden – aber wenn sich ihm viele anschließen, überdauert es Jahrhunderte… Keine Ahnung, was das mit dem FIlm zu tun hat, aber trotzdem ein schöner Satz. Aber auch ganz schön bescheuert.

Bildmaterial: Berlinale Filmstills; Perspektive deutsches Kino

Fisch lernt fliegen
Regie: Deniz Cooper
mit: Salka Weber, Alessandro Bressanello, Julia Edtmeier, Florian Carove,
Pino D'Angio
Produktion: Deutschland / Österreich 2019                        
Länge: 65’

Selfie – ein neapolitanisches Selbstportrait (Audiokritik)

Im Jahr 2014 wurde in einem Vorort von Neapel ein 16-jähriger von einem Polizisten erschossen – die meisten Medien machten schnell einen Kriminellen aus ihm. Zu Unrecht. Um diesem Bild etwas entgegenzusetzen, drückte er zwei Jungen aus der Nachbarschaft ein Smartphone in die Hand und ließ sie den Alltag im Viertel filmen. Herausgekommen ist ein unheimlich berührendes Dokument einer Freundschaft und eine kraftvolle Selbstbehauptung gegen soziale Vorurteile.

Mehr erfahrt ihr in der Kurzkritik – in der auch der Regisseur selbst zu Wort kommt.

Bildmaterial: Berlinale Filmstills; Panorama

Selfie
Sektion: Panorama Dokumente
Regie: Agostino Ferrente
Mit: Alessandro Antonelli, Pietro Orlando
Länge: 77'

Born in Evin – bewegende Spurensuche und politisches Statement (Audio-Kritik mit Constantin)

Heute ist Maryam Zareeh eine erfolgreiche deutsche Schauspielerin – in die Wege gelegt war ihr das jedoch nicht: Denn geboren wurde sie in einem iranischen Gefängnis, ihre Eltern war dort als Oppositionelle inhaftiert. Mehr jedoch haben sie ihr nie erzählt. In „Born in Evin“ erzählt Zareeh von ihrer mehrjährigen Recherche-Reise, um ihrer eigenen Geburt auf die Spur zu kommen – und verbindet dabei das Persönliche mit dem Politischen. Das Ergebnis hat mich zu Tränen gerührt – auch wenn er am Ende keine ganz runde  Sache ist. Im Gespräch mit Sven erzähle ich, warum.

Bildmaterial: Berlinale Filmstills; Perspektive deutsches Kino

Born in Evin
Sektion: Perspektive deutsches Kino
Regie: Maryam Zaree
Produktion: Deutschland / Österreich 2019
Länge: 95'

African Mirror – Im Spiegel europäischer Phantasmen

Die Schweizer Doku von Mischa Hedinger ist kein Film über Afrika, sondern über Europa – über die Phantasmen und Vorurteile, die weiße Europäer*innen auf den afrikanischen Kontinent projiziert haben und immer noch projizieren. Und auch der Begriff der Doku trifft es nicht ganz – am ehesten könnte man den Film vielleicht als Essayfilm bezeichnen, insofern sich der Regisseur explizit auf Harun Farocki beruft.

Gegenstand und Material von African Mirror bilden die Aufnahmen des Schweizer Afrikareisenden und -filmers René Gardi, der in den 1950er und 60er Jahren mit Büchern und Filmen das Afrika-Bild in und außerhalb der Schweiz entscheidend mitgeprägt hat – und bis heute prägt. Sein Blick auf den Kontinent und die Menschen dort ist geprägt von kolonialer Bevormundung und Rassismus, kaschiert durch vorgeschobenes Wohlwollen.

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Der Boden unter den Füßen – gelungenes Drama mit Abstrichen (Audio-Kritik mit Sven)

Der sprichwörtliche „Boden unter den Füßen“, der rutscht der Unternehmensberaterin Lola im Laufe dieses Films weg – es geht um Leistungsdruck, Abhängigkeit, existentielle Unsicherheit. Sven hat den österreichischen Wettbewerbsbeitrag gesehen. IIn der Kurzkritik erzählt er, warum er ihn zumindest zu zwei Dritteln gelungen findet.

Der Boden unter den Füßen
Sektion: Wettbewerb
Regie: Marie Kreutzer
Mit: Valerie Pachner, Pia Hierzegger, Mavie Hörbiger, Michelle Barthel, 
Marc Benjamin         
Produktion: Österreich 2019                        
Länge: 108’ 

Bildmaterial: Berlinale Stills; Wettbewerb

Los miembros de la familia – ungewöhnlicher Coming-of-Age-Film, der alles richtig macht

Ein junger Mann und eine junge Frau kommen zurück in ein Haus an der argentinischen Küste. Sie kennen dieses Haus, sie fühlen sich unwohl hier und sie sind scheinbar Geschwister: Lu und Gilda. Zwischen beiden herrscht von Anfang an eine diffuse Anspannung – Lu begegnet seiner Schwester beinahe feindselig, aber mit stoischem Gesicht – deren Hintergründe sich nur nach und nach und auch bloß andeutungsweise offenbaren.

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Fortschritt im Tal der Ahnungslosen – Auf der Suche nach den Wurzeln von Pegida

Ein Film über Erinnerungen – und zugleich über die Gegenwart. Florian Kunert, selbst 1989 im sächsischen Neustadt geboren, erkundet in seinem experimentellen Dokumentarfilm die Einstellungen und Erinnerungen ehemaliger DDR-Bürger*innen aus dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ hinter Dresden, indem er sie einen „Deutsch-Orientierungskurs“ für syrische Geflüchtete geben lässt – inklusive gelebter Geschichte mit Pionierappellen und Uniformen. Klingt abgefahren? Ist es auch, und gerade deshalb ein (größtenteils) sehr gelungenes Erstlingswerk, das in der Perspektive deutsches Kino ebenso gut aufgehoben wäre wie im Forum.

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Voll deep, ey – easy love von Tamer Jandali

Ein „dokumentarischer Spielfilm“ über Menschen, die bei ihrem Suchen nach und Versuchen mit der Liebe begleitet werden – und dabei „sich selbst spielen“. Klingt spannend! Geht aber leider gehörig in die Hose.

Das liegt vor allem daran, dass die Wette auf die hybride Form – dokumentarisch, aber mit inszenierten Elementen – nicht aufgeht. Statt die Grenzen zwischen beiden Formen zu verwischen und auch die inszenierten Szenen dokumentarisch wirken zu lassen, passiert genau das Umgekehrte: Auch die dokumentarischen Szenen bekommen zu großen Teilen etwas gekünsteltes, wirken aufgesetzt. Dem Film gelingt genau das nicht, was intime Dokus ausmacht (und was der Regisseur Tamer Jandali nach der Vorführung für sich beanspruchte), nämlich die Gefilmten die Kamera vergessen zu lassen. In easy love hingegen wirken der Umgang und das Sprechen zwischen den Auftretenden allzu oft zu emphatisch, zu wohlartikuliert, zu sehr für ein Publikum gesagt und getan, als dass es sich ‚echt‘ anfühlen könnte. Heraus kommt ein Film, der weder den Kriterien des Dokumentarischen, noch des Spielfilms genügt: Er wirkt eben wie schlecht gespielt.

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