Was von den Tagen übrig blieb – eine Würdigung liegengelassener Filme: ‚Oray‘, ‚Dafne‘ und ‚Dreissig‘

Puhh, geschafft: Die Berlinale ist vorbei und ich muss sagen – es war höchste Zeit. Die Kräfte sind aufgebraucht. Wir haben unser Bestes gegeben und doch sind, wie jedes Jahr einige Filmperlen unverdienterweise auf der Strecke geblieben. Bevor wir nach einer kleinen Verschnaufpause nocheinmal gemeinsam zurückschauen auf diese 69. Filmfestspiele, ihre Höhe- und Tiefpunkte, will ich versuchen, da noch ein bisschen was gutzumachen und diesen Artikel jenen Filmen widmen, die trotz ihrer Qualitäten bisher keine eigene Kritik bekommen haben.

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Nasht – metaphernreicher Start, zäher Rest

Ich muss ja gestehen: Ich bin ein ziemlicher Fan des iranischen Kinos – nicht, dass ich mich damit sonderlich gut auskennen würde. Aber in den letzten Berlinale-Jahren gab es fast immer einen iranischen Film, der mich auf besondere Weise begeistert oder fasziniert hat. Dieses Jahr kam dafür nur ein Kandidat in Frage: Nasht (engl. Leakage) von der Regisseurin (!) Suzan Iravanian. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Wurden sie erfüllt? Leider nur in den ersten 30 Minuten.

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Fisch lernt fliegen – Viel Style, keine Substanz? (Telefonkritik mit Sven)

Ein weiterer Film aus der Perspektive deutsches Kino: Eine Frau in Venedig, ein toter Goldfisch, jede Menge Espresso und ein mysteriöser Concierge. Ergebnis: Ein erfrischendes, kurzweiliges Ideenfeuerwerk – aber leider nicht rund. Um herauszufinden, warum das so ist, hab ich Sven nach dem Kino angerufen:

PS: Im Nachgespräch meinte der Regisseur auf die Frage, warum ausgerechnet Venedig: Das sei wie mit diesem Film; wenn einer sein Haus in der Lagune baut, dann ist es nach einem Jahr verschwunden – aber wenn sich ihm viele anschließen, überdauert es Jahrhunderte… Keine Ahnung, was das mit dem FIlm zu tun hat, aber trotzdem ein schöner Satz. Aber auch ganz schön bescheuert.

Bildmaterial: Berlinale Filmstills; Perspektive deutsches Kino

Fisch lernt fliegen
Regie: Deniz Cooper
mit: Salka Weber, Alessandro Bressanello, Julia Edtmeier, Florian Carove,
Pino D'Angio
Produktion: Deutschland / Österreich 2019                        
Länge: 65’

Die Berlinale Preisträger 2019

Die Berlinale Preisträger 2019 sind bekannt! Hier die Gewinner und unsere Meinungen dazu!

Wettbewerb:

Goldener Bär:

Synonymes (Synonyme) von Nadav Lapid Produzent*innen: Saïd Ben Saïd, Michel Merkt:

Janosch: Hab ich nicht gesehen (den goldenen Bären verpasse ich einfach immer!). Hab auch quasi nichts davon gehört, weil ihn niemand besonders erwähnenswert fand. War wahrscheinlich ok, aber ich bin trotzdem verwirrt. Sollte der Bär nicht an So Long, My Son gehen?

Maike: Hab ich leider auch nicht gesehen, kommt dann aber in die Kinos und wird nachgeholt. Hatte gehofft, dass Svens Einschätzung (So Long, My Son) abräumen würde).

Constantin: Dito.

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Woo Sang von Li Su-jin – Vollgas vom Anfang bis zum Schluss

„Oh Gott, bitte keine Festivalfilme mehr!“ So oder so ähnlich hört man mich gen Ende der Berlinale jeden Tag in der Schlange aufstöhnen, wenn mir die tiefsinnigen, oft etwas schwerfälligen und im Festivalprogramm dominierenden Dramen zum Hals raushängen. Woo Sang von Li Su-jin versprach mir da eine willkommene Abwechslung – ein koreanischer Thriller, das wird bestimmt cool! Aber 140 Minuten lang? Egal, einen Versuch ist es wert. 20 Uhr im Zoopalast, Weltpremiere, die Filmcrew ist da und hat sich rausgeputzt. Kurz Applaus, „Gute Projektion“ und los gehts.

Aus dem Off ertönt der erste Satz des Films „Ich habe meinem Sohn einen runtergeholt, seit er 13 war.“ Nach ein paar weiteren Minuten ist mir und meinen Sitznachbarn klar: wenn der Film dieses Tempo hält, haben wir einen wilden Ritt vor uns.

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Selfie – ein neapolitanisches Selbstportrait (Audiokritik)

Im Jahr 2014 wurde in einem Vorort von Neapel ein 16-jähriger von einem Polizisten erschossen – die meisten Medien machten schnell einen Kriminellen aus ihm. Zu Unrecht. Um diesem Bild etwas entgegenzusetzen, drückte er zwei Jungen aus der Nachbarschaft ein Smartphone in die Hand und ließ sie den Alltag im Viertel filmen. Herausgekommen ist ein unheimlich berührendes Dokument einer Freundschaft und eine kraftvolle Selbstbehauptung gegen soziale Vorurteile.

Mehr erfahrt ihr in der Kurzkritik – in der auch der Regisseur selbst zu Wort kommt.

Bildmaterial: Berlinale Filmstills; Panorama

Selfie
Sektion: Panorama Dokumente
Regie: Agostino Ferrente
Mit: Alessandro Antonelli, Pietro Orlando
Länge: 77'

Di jiu tian chang (So long, my Son) von Wang Xiaoshuai – Der beste Film des Wettbewerbs

Chinesisches Kino wird auf Filmfestivals gerne durch eine ‚politische‘ Brille betrachtet: Jeder Film aus der Volksrepublik wird an seiner Antwort auf die Gretchenfrage nach der Systemkritik gemessen. Je klarer diese formuliert ist, desto wohlwollender wird der Film aufgenommen – außer natürlich, er wird von der Zensur kassiert, wie der diesjährige Wettbewerbsbeitrag Yi miao zhong (One Second) von Zhang Yimou, der aufgrund von „technischen Problemen“ abgesagt wurde (eine kritische Positionierung der Berlinale-Leitung hierzu steht übrigens noch aus, hust hust).

Di jiu tian chang (So long, my Son) von Wang Xiaoshuai ist diesem Schicksal entgangen, und das ist ein Grund zur Freude, da der Wettbewerb mit ihm seinen wohl besten Beitrag verloren hätte. Und ja, natürlich ist der Film auch politisch, und ja, dazu werde auch ich einige Worte verlieren. Unabhängig davon funktioniert So long, my Son aber als zeitloses Meisterstück über die entzweiende Kraft von Verlust und Schuld und die Möglichkeiten, diese zu überwinden.

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