Rastlose Einsamkeit: Until I Lose My Breath

Eine junge Frau, fast ein Mädchen noch, bewegt sich rastlos und mit gehetztem Blick, wie ein verängstigtes Tier durch die Straßen Istanbuls; immer auf dem Sprung, auf der Suche nach Nähe und doch unfähig sie zuzulassen.

Until I lose my Breath der Türkin Emine Emel Balci, ist auf den ersten Blick ein ruhiger, unaufgeregter Film. Er kommt zumeist ohne dramatische Steigerungen aus, steuert weder auf eine Katastrophe noch auf eine Erlösung zu. Und doch ist er die ganze Zeit von einer diffusen Anspannung bestimmt, die Getriebenheit der Protagionistin treibt auch den Film voran.

Was genau hinter dieser Getriebenheit steckt, entblättert sich unserem Blick dabei nur nach und nach. Nie wird dem Zuschauer etwas auf dem Silbertablett serviert, hier ist kein Wort zuviel. Obwohl wir Serap immer aufs Engste begleiten, können wir nur Vermutungen anstellen. Klar ist schnell, dass sich Serap – so der Name des Mädchens – verzweifelt nach einem gemeinsamen Zuhause mit ihrem Vater sehnt, der sie offenbar einmal im Stich gelassen hat und sich nun als Fernfahrer mit verschiedenen Ausflüchten der Tochter immer wieder entzieht – die wiederum umso verzweifelter um die Nähe ihres Vaters kämpft und dabei selbst alles Kindliche verliert, aber auch jede Bereitschaft, sich auf andere menschliche Beziehungen einzulassen.

Esme Madra spielt ihre Serap nuanciert wie eindringlich und mit einer beeindruckenden Intimität und Ehrlichkeit. Ihre Mimik bleibt subtil, aber gerade in ihren Augen spiegelt sich eine unendliche Traurigkeit und tiefe Verletzlichkeit der Hauptfigur. Eine Figur übrigens, die hier dezidiert weder zum Opfer noch zur Heldin gestempelt wird. Im Nachgespräch sagte die Regisseurin, sie habe nicht moralisieren, sondern einen echten Menschen zeigen wollen, der weder ausgesprochen gut noch böse, sondern zutiefst vielschichtig angelegt ist. Das hat sie, neben einem ausgewogenen Drehbuch, nicht zuletzt dank ihrer grandiosen Hauptdarstellerin geschafft.

Unterstützt (und wohl überhaupt erst möglich gemacht) wird diese Darstellung von einer virtuos geführten Kamera, die – genauso rastlos wie die Protagonistin – fast immer in Bewegung und dicht an Serap dran ist.  Dabei verzichtet der Film völlig auf generische Musik und verlässt sich ganz auf die Wirkung seiner Inszenierung und Darsteller. So entfaltet sich eine ganz eigene Musikalität: Der Sound Istanbuls, die Geräusche der Kleiderfabrik, in der Serap arbeitet, ein vom Handy abgespielter Elektro-Track.

Der Film ist geprägt von einer beklemmenden Intensität und latenten Instabilität, die auch ohne einschneidend katastrophische Ereignisse das Publikum in seinen Bann schlägt. Ein kleines Meisterwerk am Rande der großen Titel dieser Filmfestspiele, von dem man sich wünschen würde, es wäre im Wettbewerb gelaufen. Einen Preis hätte es allemal verdient.

Costja

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