El Bar – Jeder gegen Jeden

Eine spielsüchtige Dame, ein Obdachloser und ein junges Mädel kommen in eine Bar. Da wird ein anderer Gast beim Rausgehen erschossen. Frage: Wer kommt lebend raus? Oder: Wie reagieren der Ex-Cop, der Werbe-Hipster und die pampige Barfrau auf die Situation? Diese „Fragen“ beantwortet Álex de la Iglesias neuester Film nicht nur, er kitzelt aus dem gerade beschriebenen Anfang eines Schenkelklopfers eine absurd dichte und überwältigende Menge an Pointen heraus, hinter denen sich deutlich mehr verbirgt als bloße Lacher. Stattdessen verbindet sich gerade in der ersten Hälfte von El Bar die Groteske mit dem politischen Kommentar und lässt ihn damit zu einer sowohl aberwitzigen, als auch smarten Tour de Force ausarten.

Denn bei den Besuchern besagter Bar handelt es sich gewissermaßen um die Repräsentation eines Querschnittes der Gesellschaft; so wird die technik-affine, hippe Medienszene unfreiwillig mit klassischen Arbeitern, Gesetzeshütern, einem altmodischen Vertreter und Beschäftigungslosen zusammengepfercht und der Haufen dem Stress einer Extremsituation ausgesetzt – unter dem jeder einzelne Charakter und damit jede Gesellschaftsschicht auf jeweils eigene Weise überschnappt und ausrastet. In diesem Aneinandergeraten lässt de la Iglesia zahllose Gags im Affenzahn auf sein Publikum los, die er in sämtlichen Registern findet – von pointierten oder in Repetition abgleitenden Dialogen über visuelle Komik bis zum simplen Slapstick. Das ist nicht nur äußerst unterhaltsam, sondern lässt sich zugleich als zwar hoffnungslos übertriebene, aber dennoch clevere Studie über vor allem zwei Themen lesen: scheinbar allgegenwärtiger Paranoia einerseits und die unter dieser Paranoia schwelenden Angst vor dem Mitmenschen andererseits. Mögliche Gründe für das Attentat und daran Schuldige werden nämlich minütlich abgewechselt und dabei jeweils neue Feindbilder innerhalb der Gruppe ausfindig gemacht, seien es nun ein Amoklauf, Terroranschlag, eine politische Verschwörung oder ein Killervirus. Dabei wird außerdem immer wieder klar, dass das sich gegenseitig bezeugte Mißtrauen nicht auf eine allgemeine Feindseligkeit folgt, sondern diese bei den einzelnen Gruppen erst hervorruft – und die Vorurteile im Nachhinein dann wieder begründet erscheinen lassen.

Leider büßt El Bar in der zweiten Hälfte einen Großteil seines Humors ein und verlegt sich auf Spannungsaufbau und das Durchexerzieren der klaustrophobischen Atmosphäre. Das fühlt sich nicht nur reichlich unorganisch an, sondern nimmt auf den ersten Blick auch seinem politischen Impetus einiges an Schlagkraft. Während man diese im Nachhinein durch kurzes Zurechtbiegen schnell wiederherstellen kann, bleibt der fade Nachgeschmack, den die Übersimplifizierung der natürlich als Karikaturen zu verstehenden Charaktere und das scheinbare Festhalten an bewährten Rollenbildern hinterlassen. Nach etwas Reflexion über El Bar scheint mir dies vom Regisseur jedoch beabsichtigt zu sein, auch wenn die sonst uneingeschränkte Empfehlung ein paar Kratzer abbekommen hat. De la Iglesias Film ist vielleicht noch ein Stück hintersinniger, als ich ihm das ohnehin zugestanden habe, womit mir seine letzte Pointe erst einen Tag nach der insgesamt sehr positiv in Erinnerung gebliebenen Vorführung gekommen ist.

Sven

Bildmaterial: Berlinale Filmstills, Sektion: Wettbewerb

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