Archiv der Kategorie: Filmkritik

Selbsterklärend: Filme, Kritik, Worte.

Fra Balkongen – Wir wollten gar keine Spanner sein!

Ole Giæver zeigt seinen neuen Film auf dieser Berlinale“- das war der erste Satz, den man von mir im Vorfeld des Festivals auf die Frage zu hören bekam, worauf ich mich wohl am meisten freute. Denn Giævers letztes Werk Mot Naturen, der vor zwei Jahren auf den Filmfestspielen lief und die Geschichte eines Mannes erzählte, der alleine in der Natur auf sich, seine Ängste und die Krise seiner Ehe zurückgeworfen wird, hat mich tief berührt und war damals mein Lieblingsfilm der Berlinale. Nachdem ich Fra Balkongen nun endlich gesehen habe, muss ich zweierlei feststellen: Erstens, wer hier eine Art geistigem Nachfolger zu Mot Naturen erwartet, wird von diesem Film halb bestätigt, halb enttäuscht. Zweitens, Fra Balkongen hat mich leider eher ernüchtert als begeistert zurückgelassen. Fra Balkongen – Wir wollten gar keine Spanner sein! weiterlesen

El Bar – Jeder gegen Jeden

Eine spielsüchtige Dame, ein Obdachloser und ein junges Mädel kommen in eine Bar. Da wird ein anderer Gast beim Rausgehen erschossen. Frage: Wer kommt lebend raus? Oder: Wie reagieren der Ex-Cop, der Werbe-Hipster und die pampige Barfrau auf die Situation? Diese „Fragen“ beantwortet Álex de la Iglesias neuester Film nicht nur, er kitzelt aus dem gerade beschriebenen Anfang eines Schenkelklopfers eine absurd dichte und überwältigende Menge an Pointen heraus, hinter denen sich deutlich mehr verbirgt als bloße Lacher. Stattdessen verbindet sich gerade in der ersten Hälfte von El Bar die Groteske mit dem politischen Kommentar und lässt ihn damit zu einer sowohl aberwitzigen, als auch smarten Tour de Force ausarten.

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Call me by your Name: Klassizistische Masturbation

Call me by your name, der neue Film von Luca Guadagnino, wurde sowohl von der Presse hier als auch auf dem Sundance Film Festival, wo er erstmals gezeigt wurde, als Meisterwerk gefeiert. Und er ist ja auch toll gefilmt und schafft es wohl auch, seiner eigenen Prämisse zu entsprechen. Die Liebesgeschichte zweier junger Männer in den 80er Jahren im sommerlichen Norditalien am Gardasee wirkt wie ein Gemälde aus dem frühen 19. Jahrhundert, und wie ein solches Gemälde ist sie teils ausladend, teils wunderschön, die meiste Zeit in sich ruhend. Und nach einer Weile leider eben sterbenslangweilig. Call me by your Name: Klassizistische Masturbation weiterlesen

Headbang Lullaby: Großes Kino mit Tennisplatz

Was? Nein, wirklich jetzt. Was? Der erste Laut, den meine Stimmapparatur am Ende des Filmes von sich gab. Was war hier los? Was war eigentlich der Plot? Was wollte Headbang Lullaby mir sagen? Mein Kopf fühlte sich an wie eine große, schwammige Suppe Wirrwarr. Nur eine Sache war mir klar: so viel Spaß hatte ich im Kino lange nicht mehr gehabt!

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No Intenso Agora: Filme vom Rand her denken!

Ich weiß nicht mehr, was mich dazu gebracht hat No intenso Agora, João Moreira Salles‘ Dokumentation über die 68er in Frankreich und der Tschechoslowakei, zu sehen – aber ich bin sehr froh, es getan zu haben. Nicht, weil er besonders innovativ gestaltet wäre, sondern, weil er ein nicht nur informativer, sondern durch und durch kulturwissenschaftlicher Filmessay ist und damit Balsam für meine Seele.

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Vazante: Wie ein Gewitter

Es beginnt mit dem leisen Plätschern von Regen und einem schmerzerfüllten Schrei. Die Kamera gleitet von dem verschwitzten Gesicht einer Frau über ihren geschwollenen Bauch zu ihrer Sklavin, die um das Leben von Frau und Kind kämpft, doch die Hand der Hausherrin hebt sich und sinkt langsam hinab. Mutter und Kind sterben. Ihr Tod setzt im Haushalt des  Kolonialherren und Minenbesitzers Antonio eine Entwicklung in Gang, die immer unausweichlicher wird.

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Kaygi (Inflame) – Zensur als Verdrängung

Dieses Sounddesign! Ich schließe die Augen, in der Ferne höre ich die Schläge eines Presslufthammers, ein dumpfes unterschwelliges Sirren mischt sich mit dem Knacken von brennendem Holz, das um sich zu greifen beginnt – und die plötzliche, viel zu laute Vibration eines Handys lässt mich zusammenfahren. Augen wieder auf, es brennt gar nicht, das Sirren ist aber zu einer Wand angeschwollen, die auf meine Brust drückt und mir dieselbe Raumangst einflößt, die auch die Protagonistin von Ceylan Özgün Özçeliks fabelhaftem Debütfilm Kaygi (Inflame) umfängt.

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Free Fire: Wie viele Kugeln passen in einen Menschen?

PENG PENG PENG!! BÄMBÄM!

Abseits vom großen Festival hatten wir das Vergnügen uns Free Fire, den neuen Film von Ben Wheatley, der uns zuletzt mit High Rise überrascht hatte, zu Gemüte zu führen. In einer verlassenen Lagerhalle in Boston, in den späten Siebzigern geht ein Waffendeal zwischen IRA-Kämpfern und Waffenhändlern den Bach runter und verwandelt sich in eine gewaltige Schießerei. Free Fire: Wie viele Kugeln passen in einen Menschen? weiterlesen

The Bomb: Now I am become death, destroyer of Worlds

Die Berlinale versteht sich zum Teil als politisch. Ich erinnere mich noch gut an Panahis Taxi, der 2015 den Goldenen Bären gewann. Auch diesmal ist es nicht anders. Gerade zu diesen Zeiten, wo Trump in Amerika zum Präsidenten gewählt wurde und sich die Europäische Ordnung stark bedroht sieht, kommt so ein Film gelegen. Schön, dass sich die Berlinale als The Bomb: Now I am become death, destroyer of Worlds weiterlesen

Pokot (Spoor) – Ob das Absicht war?

Wer nur die ersten Minuten des neuen Films der preisgekrönten Regisseurin Agnieszka Holland sieht, der stellt sich wohl auf ein ernstes, tiefgehendes Drama oder Monumentalwerk mit opulenten Landschaftsbildern ein. Wer die folgenden zwei Stunden aber auch noch mitbekommt, der wird entweder stinksauer sein und diesen Film verreißen, oder etwas dümmlich vor sich hin kichernd den Kinosaal verlassen, um sich über die absurde und komplett aus dem Ruder gelaufene Reise, die er/sie gerade mitgemacht hat, die Augen zu reiben. Diese Kritik tut letzteres, auch wenn die gegenteilige Meinung zu Pokot komplett nachvollziehbar ist.

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